Haltestelle Amstetten oder "das radikal Böse"
Die Geschichte von Amstetten hat Österreich wieder rund um den Globus bekannt gemacht. FreundInnen aus aller Welt rufen an, schreiben Mails, fragen nach, was genau passiert ist. Mensch ist von allen Seiten damit konfrontiert darüber nachzudenken. Doch wie? Wie kann mensch sich an dieses Thema heranwagen? Ist das Geschehene nicht einfach zu entsetzlich, sodass mensch nur noch sagen kann "sowas hätte nicht passieren dürfen"? Gibt es daraus etwas zu lernen (ja ist es denn ein Lehrstück)? Vor allem, wenn sich mensch als AnrachistIn, d.h. als politisch engagierte Person zur Überwindung von Herrschaftsverhältnissen versteht, dann ist es noch schwieriger einfach zu schweigen oder lediglich mit Zynismus zu verdauen, was nicht zu verdauen ist. Spuck aus.
Das Geschehene wurde betitelt mit dem „radikal Bösen“: Ein Mann sperrt seine Tochter ein, vergewaltigt sie über Jahrzehnte, es kommen Kinder zur Welt, die ebenfalls in einem Keller, den er Zweck dieses Vorhabens über Jahre ausgebaut hat, eingesperrt werden und bis zur ihrer Befreiung kein Tageslicht zu sehen bekommen. Die Mutter soll davon gewusst haben, der Sohn soll auch einen Schlüssel zum Keller gehabt haben... Mehr Details sind nicht notwendig.
Zunächst kann mensch vor dem Entsetzlichen nur Staunen. Es ist nicht fassbar. Die Phantasie blockt beim Versuch nachzukonstruieren, was sich all die Jahre in jenem Keller abgespielt haben soll. Wenn der Begriff des "radikal Bösen" ein gültiger Ausdruck sein könnte für das Entsetzliche, dann ist dieses Geschehen ein hervortreten dessen. Doch was ist damit gesagt? "Böse" ist ein moralischer Begriff, der nur in den Kategorien von MoralistInnen seine Gültigkeit hat. Was wäre eine politische Herangehensweise? Versagt hier die Politik? Müssen wir gemeinsam mit der Moral sagen: Es ist die selbe unglaubliche Fähigkeit des Menschen zum Bösen, wie wir es in größerem Ausmaß während des Nationalsozialismus, in den Konzentrationslagern erleben mussten? Sind politische Erklärungen lediglich der Versuch, etwas im Nachhinein zu begründen, was schlichtweg eine Perversion des Menschen ist?
Nein, so kann mensch weder den Schrecken des Nationalsozialismus, noch den Schrecken in Amstetten verstehen. Denn es ist eben genau jene Moral, die selbst aus einer Politik entstanden ist und lediglich eine Seite der selben Madalie darstellt. Das heißt: Die Vorstellungen von Gut und Böse bedienen sich. Die Vorstellung einer guten Familie wird die böse Erzeugen, weil Gut immer seiner Negation bedarf, um gut sein zu können. Die gesunde Gesellschaft wird immer seine "Perversen" brauchen usw., weil sie die Negation der Negation ist, sie ist weltfremd.
Sehen wir uns doch nur die "Lust am Leid" an, welche durch die Medien kursiert und wie ÖsterreichIn sich als Gutmensch präsentiert: "Schau was dieses Schwein gemacht hat" und währenddessen noch genauer hinschaut als womöglich "das Schwein" selbst es getan hat. Man will alles wissen, wie sie vergewaltigt wurde, ob die Kinder zusehen mussten, ob der Sohn mitgemacht hat usw. um danach sagen zu können, dass man selbst zu den Guten gehört. Man hat ein Objekt des "radikal Bösen", den Herrn Fritzl aus Amstetten, der wie ihr Christus ans Kreuz soll. Ein verkehrter Christus, jedoch mindestens so heilig, weil er den Menschen das Gefühl gibt, dass sie gut sind.
Das "radikal Böse", oder in einem weiteren – mindestens so fragwürdigen Diskurs - auch "der Psychopath" genannt, braucht jedenfalls Qualität, das heißt es muss das Objekt weit weg von jeglicher Verantwortung des Politischen gestellt werden. Jede MittäterInnenschaft des „sauber und gesunden Österreichs“ muss ausgeschlossen sein (siehe Reden bei SPÖ 1. Mai Kundgebung). Qualität heißt hier: Das Gewissen beruhigt sich über die Entfernung zur Tat. Der Täter - ja wer ist eigentlich tatsächlich "der Täter" (singular?)- er soll also schon immer ein isoliertes Individuum in Quarantäne gewesen sein, kein kleinbürgerlicher Nachbar mitten in der österreichischen Gesellschaft, mit allem was so zu Österreich und dem Bürgertum gehört. Die Überwindung von Amstetten bedeutet deswegen keine politische Frage; nein es bedarf eines Exorzismus mit Zwangsjacke im Keller Namens Gefangenenhaus, gleich neben der systematisierten Schubhaft, wo das staatliche Sicherheitspersonal - neben Mord und sonstiger Folter - auch hin und wieder vergewaltigt. Kein Inzest natürlich.
Eine politische Herangehensweise muss der Gesellschaft - deren Produkte weder gut noch böse, sondern immer gesellschaftlich bedingt sind – nachfragen, in der so etwas wie Amstetten entstehen kann. Es sind die tagtäglichen Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe in der Familie, am Arbeitsplatz, an öffentlichen Plätzen, die die breite Basis dafür darstellen. Es sind die Millionen von "Guten", die mit ihrer alltäglichen Dosis an - vielmehr versteckter - Gewalt das Fundament von Amstetten bilden. Die Frage ist nicht zynisch: Wie viele Keller gibt es in Österreich noch? Und damit sind auch - bzw. vor allem - die alltäglichen Keller einer alltäglichen Gesellschaft gemeint. Einer Gesellschaft, die ihr Höchstes in Phantasien und Umsetzungen totaler Herrschaft, ihr Niedrigstes in der Knechtschaft ohne Möglichkeit des Ausbruchs postuliert. Amstetten ist vielmehr das Produkt jener radikalen Machtausübung, der Vergewaltigung des Menschseins ansich, welche jedoch nicht in Amstetten beginnt, sondern in der Ideologie und Praxis der Herrschaftsgesellschaft selbst. Österreich ist ein Keller.
...
Der Text bleibt im widersprüchlich Abstrakten, konfus, bleibt an der Oberfläche, noch tappt es im Dunklen, wird emotional... Was die "Sensation" von Amstetten für die Linksradikale zu Denken gibt, ist noch nicht gedacht. Vielleicht mag sich jemensch mehr an das Thema wagen...
Zunächst kann mensch vor dem Entsetzlichen nur Staunen. Es ist nicht fassbar. Die Phantasie blockt beim Versuch nachzukonstruieren, was sich all die Jahre in jenem Keller abgespielt haben soll. Wenn der Begriff des "radikal Bösen" ein gültiger Ausdruck sein könnte für das Entsetzliche, dann ist dieses Geschehen ein hervortreten dessen. Doch was ist damit gesagt? "Böse" ist ein moralischer Begriff, der nur in den Kategorien von MoralistInnen seine Gültigkeit hat. Was wäre eine politische Herangehensweise? Versagt hier die Politik? Müssen wir gemeinsam mit der Moral sagen: Es ist die selbe unglaubliche Fähigkeit des Menschen zum Bösen, wie wir es in größerem Ausmaß während des Nationalsozialismus, in den Konzentrationslagern erleben mussten? Sind politische Erklärungen lediglich der Versuch, etwas im Nachhinein zu begründen, was schlichtweg eine Perversion des Menschen ist?
Nein, so kann mensch weder den Schrecken des Nationalsozialismus, noch den Schrecken in Amstetten verstehen. Denn es ist eben genau jene Moral, die selbst aus einer Politik entstanden ist und lediglich eine Seite der selben Madalie darstellt. Das heißt: Die Vorstellungen von Gut und Böse bedienen sich. Die Vorstellung einer guten Familie wird die böse Erzeugen, weil Gut immer seiner Negation bedarf, um gut sein zu können. Die gesunde Gesellschaft wird immer seine "Perversen" brauchen usw., weil sie die Negation der Negation ist, sie ist weltfremd.
Sehen wir uns doch nur die "Lust am Leid" an, welche durch die Medien kursiert und wie ÖsterreichIn sich als Gutmensch präsentiert: "Schau was dieses Schwein gemacht hat" und währenddessen noch genauer hinschaut als womöglich "das Schwein" selbst es getan hat. Man will alles wissen, wie sie vergewaltigt wurde, ob die Kinder zusehen mussten, ob der Sohn mitgemacht hat usw. um danach sagen zu können, dass man selbst zu den Guten gehört. Man hat ein Objekt des "radikal Bösen", den Herrn Fritzl aus Amstetten, der wie ihr Christus ans Kreuz soll. Ein verkehrter Christus, jedoch mindestens so heilig, weil er den Menschen das Gefühl gibt, dass sie gut sind.
Das "radikal Böse", oder in einem weiteren – mindestens so fragwürdigen Diskurs - auch "der Psychopath" genannt, braucht jedenfalls Qualität, das heißt es muss das Objekt weit weg von jeglicher Verantwortung des Politischen gestellt werden. Jede MittäterInnenschaft des „sauber und gesunden Österreichs“ muss ausgeschlossen sein (siehe Reden bei SPÖ 1. Mai Kundgebung). Qualität heißt hier: Das Gewissen beruhigt sich über die Entfernung zur Tat. Der Täter - ja wer ist eigentlich tatsächlich "der Täter" (singular?)- er soll also schon immer ein isoliertes Individuum in Quarantäne gewesen sein, kein kleinbürgerlicher Nachbar mitten in der österreichischen Gesellschaft, mit allem was so zu Österreich und dem Bürgertum gehört. Die Überwindung von Amstetten bedeutet deswegen keine politische Frage; nein es bedarf eines Exorzismus mit Zwangsjacke im Keller Namens Gefangenenhaus, gleich neben der systematisierten Schubhaft, wo das staatliche Sicherheitspersonal - neben Mord und sonstiger Folter - auch hin und wieder vergewaltigt. Kein Inzest natürlich.
Eine politische Herangehensweise muss der Gesellschaft - deren Produkte weder gut noch böse, sondern immer gesellschaftlich bedingt sind – nachfragen, in der so etwas wie Amstetten entstehen kann. Es sind die tagtäglichen Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe in der Familie, am Arbeitsplatz, an öffentlichen Plätzen, die die breite Basis dafür darstellen. Es sind die Millionen von "Guten", die mit ihrer alltäglichen Dosis an - vielmehr versteckter - Gewalt das Fundament von Amstetten bilden. Die Frage ist nicht zynisch: Wie viele Keller gibt es in Österreich noch? Und damit sind auch - bzw. vor allem - die alltäglichen Keller einer alltäglichen Gesellschaft gemeint. Einer Gesellschaft, die ihr Höchstes in Phantasien und Umsetzungen totaler Herrschaft, ihr Niedrigstes in der Knechtschaft ohne Möglichkeit des Ausbruchs postuliert. Amstetten ist vielmehr das Produkt jener radikalen Machtausübung, der Vergewaltigung des Menschseins ansich, welche jedoch nicht in Amstetten beginnt, sondern in der Ideologie und Praxis der Herrschaftsgesellschaft selbst. Österreich ist ein Keller.
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Der Text bleibt im widersprüchlich Abstrakten, konfus, bleibt an der Oberfläche, noch tappt es im Dunklen, wird emotional... Was die "Sensation" von Amstetten für die Linksradikale zu Denken gibt, ist noch nicht gedacht. Vielleicht mag sich jemensch mehr an das Thema wagen...
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Ergänzungen
danke,
und bei "als-ob-leben" einen Beitrag:
Meiner Meinung nach sehr viel nachvollziehbarer und bedeutender was auf diesen Seiten geschrieben wird, als all das was in den Mainstreamnews so abgelassen wird...
guter Artikel zum Thema