Zuspitzung zwischen Ecuador und Kolumbien

Ralf Streck 06.04.2008 11:43
Während Kolumbien weiter Ecuador der Unterstützung der FARC bezichtigt, schlägt Ecuador nun mit einer Klage in Den Haag zurück Ein glückliches Ende gibt es im Streit zwischen Kolumbien und Ecuador doch noch nicht. In den letzten Wochen hat er sich sogar wieder zugespitzt, wie auch die Aktivitäten der Paramilitärs zunehmen. Doch Kolumbien musste inzwischen, dass bei dem völkerrechtswidrigen Angriff auf ecuadorianischem Staatsgebiet auch ein Ecuadorianer getötet wurde, bei dem nach Indizien die USA direkt beteiligt waren. Doch die Regierung unter Álvaro Uribe fährt damit fort, die Regierung unter Rafael Correa zu beschuldigen, mit der FARC zu kollaborieren. Sie nutzt dafür weiter Dateien, die angeblich bei dem getöteten Guerilla-Führer Raul Reyes gefunden wurden, doch die erwiesen sich bisher als Rohrkrepierer. Correa platzt langsam der Kragen. Er hatte eine diplomatische Offensive angekündigt und nun wurde Kolumbien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt. Interessant wird auch, ob sich Uribe einen Winkelzug ausführt, um die Bemühungen zur Freilassung von Ingrid Betancourt erneut zu verhindern.
Deftige Begründungen hatte Kolumbien nachgeschoben, um den Angriff auf ein Lager der FARC in Ecuador zu rechtfertigen. Die FARC versuche an radioaktives Material zum Bau einer schmutzigen Bombe zu kommen und sie werde von Venezuela und Ecuador direkt im Kampf gegen die Regierung unterstützt, behauptet Uribe bis heute. Dafür benutzt er Dateien, die angeblich auf dem Laptop des bei dem Angriff getöteten FARC-Kommandanten Raul Reyes gefunden worden seien.

Doch bisher haben sich dessen "Beweise" eher zum Rohrkrepierer entwickelt. So lieferte Kolumbien zum Beispiel ein Foto, das Raul Reyes mit Ecuadors Minister Sicherheitsminister Gustavo Larrea beim Gespräch in einem Lager der FARC im Dschungel zeigen sollte. Doch die Aufnahme zeigte nicht den Ecuadorianer, sondern den Sekretär der kommunistischen Partei Argentiniens, Patricio Etchagaray. Die Zeitung El Tiempo, welche das Foto veröffentlichte, entschuldigte sich ausdrücklich bei Larrea. Die Zeitung räumte ein, das Foto von der Polizei erhalten zu haben, was auf eine gezielte Desinformation hinweist. Entgegen allen Tatsachen benutzen noch immer konservative Kreise in Ecuador das angebliche Treffen von Larrea mit Reyes, um die Regierung Correa anzugreifen.

Inzwischen musste Kolumbien auch einräumen, dass bei dem Angriff auch ein Ecuadorianer ermordet wurde. Der Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, der auch von den schmutzigen Bomben fabulierte, musste eingestehen, dass es sich bei dem Ermoderten um den 38jährigen Mechaniker Franklin Aizalia Molina handelte. Für die Untersuchung der Leiche, von der kolumbianischen Armee nach Bogota entführt, brauchte man drei Wochen. Zuvor wurde stets behauptet, es handele sich bei dem Toten um Julián Conrado, der als einer der Ideologen der FARC gilt.

Dass Correa begann der Kragen zu platzen beginnt, ist angesichts derlei Vorgänge verständlich. Noch vor der Bestätigung durch Santos erklärte er, "die Ermordung eines Ecuadorianers in seinem eigenen Land", würde die Lage extrem zuspitzen. Er kündigte dabei an, man werde bei einer Bestätigung einen "extrem harten diplomatischen Kampf beginnen, weil dieser Mord nicht ungestraft bleiben darf".

Correa forderte Uribe immer wieder dazu auf, die Anschuldigungen gegen Ecuador einzustellen oder seine Anschuldigungen zu beweisen. Doch bisher hat Kolumbien spärliche 24 ausgedruckte Seiten, möglicherweise Kopien von Emails oder deren Ausdrucke, aus einem Wust von mehreren Hundert Gigabyte Daten zur Verfügung gestellt. Ecuador hat sie im Internet verfügbar gemacht (pdf).

Derlei Dokumente hätten vor keinem Gericht der Welt irgendeine Beweiskraft, sagt die Regierung. Sie seien "inkonsistent und unverständlich" und sie lägen zudem in keinem digitalen Format vor. Allein die Tatsache, dass Wasserzeichen und Seitennummerierung nachträglich eingefügt wurden, zeige schon an, dass an ihnen digitale Veränderungen vorgenommen wurden “Wir haben keine Informationen erhalten, welche Server für die Übertragung der Daten benutzt wurden" sagte die Außenministerin Maria Isabel Salvador. Es lägen auch keine Angaben darüber vor, wer der Absender, der Empfänger der E-Mails seien, noch hätte man Informationen darüber, nach welcher Methode die Daten ausgewertet würden.

Da Kolumbien die Anschuldigungen aufrechterhält, ohne dafür Beweise vorzulegen, beginnt nun Correa die Schrauben anzuziehen. Ein erstes Ergebnis seiner Offensive ist, dass das Land Kolumbien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt hat. Es geht dabei nicht um den Angriff, sondern um die dauerhafte Schädigung von Ecuadorianern und der Natur. Seit sieben Jahren versprüht Kolumbien aus der Luft das Totalherbizids Glyphosat in der Grenzregion. Die Ausbringung von "hoch giftigen chemischen Herbiziden an der Grenze zwischen Ecuador und Kolumbien sollen beendet werden, die schwere Schäden in Ecuador, an der Gesundheit und dem Wohlstand der lokalen Bevölkerung bewirken", erklärte die Außenministerin. Ganze indigene Gemeinden hätten umgesiedelt werden müssen.

Das Ziel der Klage ist, eine Stellungnahme zu erreichen, dass Kolumbien schon mit der Giftspritze die Souveränität Ecuadors verletzt. Man will erreichen, dass die Sprühaktionen mindestens zehn Kilometer vor der Grenze beendet werden und zudem soll Kolumbien für die angerichteten Schäden finanziell aufkommen. Angeblich habe diese Klage nichts mit dem aktuellen Streit zu tun, betonte Salvador.

Der Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels ist Teil des von den USA unterstützten Plan Colombia und hatte immer wieder zu Spannungen zwischen beiden Ländern geführt. Für Kolumbien handelt es sich um eine unerlässliche Maßnahme, um gegen den illegalen Anbau von Coca vorzugehen und mehr oder weniger deutlich wird auch eingeräumt, dass es sich damit um eine Maßnahme zur Bekämpfung der FARC handelt.

Tatsächlich dürfte es sich bei der Klage um den ersten Schritt handeln, um Kolumbien auch an einer anderen Stelle unter Druck zu setzen. Gleichzeitig untersucht Ecuador auch, ob die USA von der Basis, welche diese in Ecuador unterhält, an dem Angriff auf die FARC beteiligt waren. Die US-Basis in Manta wurde 1999 eingerichtet und dient angeblich zum aufspüren von Drogenflugzeugen. Nun soll der Frage nachgegangen werden, ob ein Flugzeug aus Manta, das sich in der fraglichen Zeit in der Luft befand, an dem Angriff beteiligt hat.

Indizien weisen darauf hin, dass die Bomben möglicherweise direkt von US-Flugzeugen abgeworfen wurden. Bei dem Angriff seien zehn Bomben vom Typ GBU 12 Paveway II eingesetzt worden. Diese fast 500 Kilogramm schweren Bomben werden per Laser oder GPS gesteuert und werden von den USA im Irak eingesetzt. Diese stünden nur den US-Streitkräften zu Verfügung. Was besonders hellhörig macht ist die Tatsache, dass die Flugzeuge, die nach kolumbianischen Angaben den Angriff geflogen haben, nicht für den Transport dieser Bomben geeignet sind. So ist verständlich, dass Ecuador wegen des Angriffs Kolumbien noch nicht in Den Haag angeklagt hat, da sich die Klage möglicher auch oder vor allen gegen die USA richten könnte.

Es war auffällig, dass der Angriff am 1. März genau dann durchgeführt wurde, als die Befreiung von 13 Geiseln der FARC anstand, darunter die kranke ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt). Diese Aktion leitete der ermordete Reyes. Da die FARC schon zuvor Geiseln unter Vermittlung von Hugo Chávez ohne Gegenleistung freigelassen hatte, war Uribe stark unter Druck geraten. Wäre Betancourt und andere Geiseln erneut als Geste des guten Willens der FARC frei gekommen, hätte sich der Druck auf Uribe deutlich verschärft.

Frankreich hat erneut die Initiative ergriffen, um die Freilassung der grünen Politikerin zu erreichen, die unter Hepatitis B erkrankt ist und angeblich seit Wochen im Hungerstreik ist. Nicolas Sarkozy setzt sich persönlich für Betancourt, auch französische Staatsbürgerin, ein. Drei Gesandte befinden sich derzeit in Kolumbien. Das Flugzeug war am Mittwochabend auf einem Militärflugplatz bei Paris gestartet. Uribe der sonst auf die militärische Karte setzt, hat dem starken Druck Frankreichs scheinbar nachgegeben. "Sobald wir die Koordinaten des Ortes wissen, wo die Hilfsmission für die Entführten in schlechtem Gesundheitszustand eintrifft, werden wir dort die militärischen Operationen einstellen", versicherte Uribe nach einem Telefonat mit Sarkozy.

Uribe stellte nun auch einen Austausch von Geiseln gegen Gefangene der FARC in Aussicht, wenn diese sich nicht wieder der Guerilla anschließen. Verschiedene Länder, darunter Frankreich, haben sich zu deren Aufnahme bereit erklärt. Ob sich aber Uribe an seine Worte hält, bleibt abzuwarten. Zu oft hat er mit Winkelzügen eine Entspannung der Lage torpediert. Eine gefangene oder tote Ingrid Betancourt nützt ihm für seine politischen Ziele mehr, als eine politische Gegnerin in Freiheit.

Chávez hat inzwischen erklärt, dass es sehr schwierig würde Betancourt frei zu bekommen, wenn es keine Gegenleistung in Form von Gefangenenbefreiungen gibt. Inzwischen schält sich auch schon eine neue Strategie von Uribe heraus. Er will hohe Summen an die Guerilleros zahlen, die zur Geiselbefreiung beitragen, um auch Zwietracht in der FARC zu säen. Angeblich soll Reyes verraten worden sein, wofür eine unglaublich hohe Summe bezahlt worden sei.

© Ralf Streck, den 06.04.2008
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Ergänzungen

Stellungnahmen der bewaffneten Linken

Entdinglichung 11.04.2008 - 14:58
aus Ecuador (CL-N, GCP, PCE-SR) zu der ganzen Sache gibt es auf CEDEMA

Ergänzung

tierr@ 14.04.2008 - 14:37
Es lohnt sich wirklich sehr in diesem Zusammenhang
in die letzte Ausgabe (FR letze Woche)
von Le Monde diplomatique.de zu
schauen, in der dieses und andere lateinamerikanische
Themen behandelt werden,
Link Googlen oder was, weiss ihn grad nicht auswendig
aber sind sehr, sehr gute Artikel!!!
SALUD

Chef der Farc-Guerilla tot

http://www.tagesspiegel.de 26.05.2008 - 21:42
Montevideo - Der älteste Guerillero Lateinamerikas und legendärer Anführer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), Manuel Marulanda, ist tot. Wie der kolumbianische Generalstabschef David Rene Moreno unter Berufung auf Geheimdienstquellen am Samstag der Presse mitteilte, starb Marulanda alias Tirofijo (= Blattschuss) Ende März. Die Todesursache sei nicht bekannt, aber vermutlich sei es Herzversagen gewesen. Beweise legte Moreno nicht vor. Präsident Alvaro Uribe wollte die Nachricht nicht kommentieren. Der 78-jährige Farc-Gründer, der an Krebs litt, war schon des Öfteren für tot erklärt worden. Nachfolger Tirofijos wurde nach Angaben Morenos der bisherige Chefideologe der Farc, Alfonso Cano.

Marulanda, mit bürgerlichem Namen Pedro Antonio Marin, war einer der bekanntesten Kolumbianer und wurde mit seinem legendären Handtuch auf der Schulter sogar vom kolumbianischen Künstler Fernando Botero verewigt. Die Regierung hatte auf ihn ein Kopfgeld in Höhe von zweieinhalb Millionen Dollar ausgesetzt. Dennoch konnte sie den Rebellen nie dingfest machen.

Von der politischen Untergrundbewegung, die für eine Landreform und mehr soziale Gerechtigkeit kämpft, haben sich die Farc in den vergangenen Jahren zu einer kriminellen Bande gewandelt, die von Entführungen, Schutzgelderpressungen und Drogenhandel lebt. Auf rund 400 Millionen Dollar werden ihre jährlichen Einnahmen geschätzt. Die USA und die EU führen die Gruppe daher als terroristische Vereinigung.

Nachfolger Cano ist ein 56-jähriger Soziologe aus Bogota, der schon seit einem Vierteljahrhundert in den Reihen der Farc kämpft. Mehrere Jahre lebte er in Europa und machte dort Lobbying für die Untergrundorganisation. Er gilt als eher moderat.

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