AK KRAAK ON TOUR III

Akkraakin 14.05.2003 18:48 Themen: Weltweit
Dritter und letzter Teil dieses langen Berichtes über die soziale und politische Sitaution in den Favelas von Rio de Janeiro.Hier könnt ihr den ersten und den zweitenTeil lesen.
Comando Vermelho

Die Geschichte vom Comando Vermelho (CV), dem roten Komando, begann Anfang der 80er, zu Zeiten der Militaerdiktatur, in einem Gefaengnis in Rio. Einige Kommunisten organisierten ohne klares Programm, zuerst im Gefaengnis, spaeter auch in Armengebieten politische Gruppen. Mitte der 80er Jahre fingen sie an, das Drogengeschaeft aufzubauen um Waffen zu kaufen. Spaeter wurden die Waffen immer wichtiger, um die Geschaefte fortzusetzen. Die Struktur war zu Beginn relativ dezentral und wenig organisiert. Einzelne Gruppen handelten unabhaengig voneinander, aber stets in enger Zusammenarbeit mit Gefaengnisinsassen. Die meisten Fuehrer des Comando Vermelhos sitzen im Gefaengnis.
Die Gefaengnisse in Brasilien sind ueberfuellt und die Konditionen hart.
1992 rebellierten in einem Gefaengnis in Sao Paulo die Gefangenen eines Traktes und forderten Menschenrechte fuer sich ein. Daraufhin ermordete die Polizei 111 Gefangene. Eine direkte Reaktion darauf war die Gruendung von PCC, Primero Comando da Capital, in Sao Paulo.
Das Comando Terceiro, das dritte Kommando, entstand in den 90ern aufgrund eines internen Konfliktes im CV, bei dem ein Fuehrer einen Anderen ermordete.
Seit den 90er Jahren konzentriert sich die Arbeit vor allem auf die Drogengeschaefte. Die grossen Transaktionen werden von einer kleinen Gruppe organisiert, die ueber Kontakte ins Parlament und die hoechsten Ebenen der Polizei verfuegt. Der vor kurzem inhaftierte und in den Medien als Drogenchef aufgebaute Beira-Mar wurde in Kolumbien verhaftet. Er versuchte dort scheinbar gerade Geschaeftsverbindungen ohne Umwege aufzubauen.Die Strukturen von CV wurden in den vergangenen Jahren mehr und mehr zentralisiert. Eine kleine Gruppe versucht seit ca. 2 Jahren die internen Konflikte zu regeln und das Kommando besser zu strukturieren.
2002 vernetzten sich CV und PCC. Am 11. September des gleichen Jahres wurden mehrere Fuehrer vom Comando Tercero im Gefaengniss vom CV getoetet. Das Rote Kommando konnte seine Position dadurch staerken.
Durch diese Zentralisierung und Vertikalisierung wurden unter anderem koordinierte Aktionen wie beim letzten Karneval moeglich. Aus Protest gegen die Verlegung Beira-Mars in ein Gefaengnis eines anderen Bundesstaates legten Narkotraficantes an einem Tag 24 Braende verteilt ueber die ganze Stadt, andere in den folgenden Tagen, insgesammt ueber 40. Die Gewalt verlaesst die Favelas und erreicht zunehmend die Mittelklasse. In den Medien sprechen sie von einer “Kolumbianisierung” der Verhaeltnisse.

Funk Party

Die Narkotraficantes bieten vor allem jungen Leuten eine breite Projektionsflaeche. Sie haben Geld, Einfluss und die Macht der Polizei die Stirn zu bieten. Sie stehen fuer ein Selbstbewustsein in den Favelas. Sie greifen die Ungerechtigkeiten gesellschaftlicher Bedingungen in einfachen Formeln auf. Ueberall an mauern und Haeuserwaenden sind neben dem beruehmt gewordenen Slogan aus den Anfaengen des Comando Vermelho, “Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit”, die Kuerzel der verschiedenen Kommandos gemalt. Selbst Jungen im Kindergartenalter formen mit den Fingern das CV zum Gruss.
Die Kommandos verfuegen ueber eigene Mythen, Identifikationsfiguren und Kultur.
Funk heisst eine Musikrichtung, die sich in den letzten Jahren in den Favelas entwickelt hat. Mittlerweile wurde Funk vom Mainstream aufgegriffen. Funk mischt Teckno, eigene Rythmen, Ausschnitte bekannter Melodien und Gesang. Die Musik wirkt kraftvoll, energetisch und rotzig. Die Texte sind meistens sexistisch und gewalttaetig. Sie erzaehlen ueber die Realitaeten in den Favelas. Die meisten Funk Partys werden von Narkotraficantes organisiert. Sie bezahlen die Musikanlage, die Saenger und die Polizei dafuer, dass die sie gewaehren laesst.
In Manguinhos hat die Polizei mit Repression gegen die geplante Funkparty gedroht. So besuche ich zusammen mit einer schwedischen Bekannten und Freunden aus den Favelas eine andere Funkveranstaltung in Nova Brasilia.
Die Strassen sind voller Leute im Teenageralter. Einige Maedchen erreichen noch nicht mal 10 Jahre.Wir sind weit und breit die einzigen Gringas und stechen wieder mal blass aus der Masse hervor. Wir werden durch das Gedraenge eskortiert und erreichen die Tanzflaeche auf einem umzaeunten Sportplatz in der Mitte der Favela. Die Musik droehnt aus riesengrossen Boxen. Der Schall faehrt in die Magengrube. In der Enge tanzen Grueppchen mit synkronen, genau reglementierten Bewegungen, sexy und unterleibsbetont. Einer unserer Begleiter stellt uns einem Traficante mit Maschienengewehr vor. Dieser streckt den Daumen hoch zum Zeichen, dass wir willkommen sind. Danach sind unsere Begleiter entspannter, weil wir jetzt keinen Aerger mehr bekommen werden. An uns ziehen 15 bis 17 Jaehrigen in kleine Gruppen vorbei, die ebenfalls mit Maschienengewehren bewaffnet sind. Sie haben Polizeifunktion. Sie sorgen dafuer, dass alles ruhig verlaeuft. Die Leute sehen gefliessentlich ueber sie hinweg. Niemand wuerde wagen hier Streit anzufangen, ausser er ist verrueckt oder hat zu viel Kokain gezogen. Die Funkpartys sind gut fuers Geschaeft. Sie garantieren rege Umsaetze an Mariuana und Kokain. Jointrauch haengt ueberall in der Luft. Die Lines werden in aller Oeffentlichkeit auf der Strasse gezogen. Die Party geht bis zum Sonnenaufgang. Die meisten Traficantes werden nicht aelter als 25 bis 30 Jahre, wenn sie nicht vorher aus dem Geschaeft aussteigen.
Ich habe viel mit politisch arbeitenden Freunden in Rio ueber die Traficantes diskutiert. Die uebereinstimmende Meinung war, dass sie die kapitalischen Hirarchien und Strukturen in extremer Form reproduzieren. Einige meinen, dass sich eine Wiederkehr politischer Inhalte abzeichnen wuerde. Andere sagen, dass eine politische Organisierung der Traficantes absolut unmoeglich sei. Wiederum andere meinen, dass vielleicht mit kleinen Gruppen, die in der Hirarchie des Narkotrafico unten stehen, zusammen gearbeitet werden koennte. Aber auch die Befuerworter einer Zusammenarbeit stimmen darin ueberein, dass dies sehr schwierig sei. Allerdings sind die verschiedenen Gruppen, die im Narcotrafico arbeiten, sehr unterschiedlich.

Fiesta in Jacarezinho

Dies wird mir besonders nach dem Besuch einer Fiesta in Jacarezinho klar, zu der ich eingeladen werde. Die Bewohner einer besetzten Fabrik, fuenfzig Erwachsene und viele Kinder feiern gemeinsam Ostern. Auf der Strasse wird Kino veranstaltet, im Innenhof der Fabrik gegrillt. Kinder stehen geduldig in einer langen Schlange vor einem grossen Tisch und warten auf etwas, Maenner sitzen vorm Fernseher und schauen Fussball. Isabell begleitet mich. Sie erklaert allen genau, warum ich filme. Ich werde in Obhut genommen und rumgefuehrt. Im Innern der halbverfallene Fabrik haben sich die Bewohner kleine Hauser gebaut. Auf der oberen Ebene, die wir ueber eine Leiter erreichen, zeigt uns R. sein Haus. Dieses bietet etwas mehr Platz, als die meisten anderen. Die Raeume sind groesser, gefliesst und das Schlafzimmer verfuegt sogar ueber einen Airconditioner. R. zaehlt Mitte zwanzig und scheint eine Autoritaet der Kommune zu sein.Er zeigt uns einen grossen, abgetrennten Raum, in dem die Bewohner Tiere halten. Schweine und Huehner, sowie Pferde, fuer die Arbeit zum Muellrecycling. Auch hier haben die Leute fast Nichts zum ueberleben. Aber in den Gespraechen legen die Leute Wert darauf, dass sie zusammenleben und sich gegenseitig unterstuetzen. Sie wirken verbunden miteinander. Meine Kamera wechselt in die Haende einiger, meiner Begleiter. Sie filmen ihre Party.
Nach mehr als einer Stunde stehen die Kinder auf der Strasse immr noch geduldig in einer Reihen vor dem Tisch. Ploetzlich wird eine ueberdimensionierte, riesige Torte rausgetragen. Sie nimmt die ganze Laenge des Tisches ein. Vier Frauen schneiden gleichzeitig Stuecke heraus und verteilen sie. Jeder bekommt ein Stueck. Am fruehen Abend ziehen sich die meisten Leute zurueck. Isabell meint, weil das Essen zu Ende gegangen ist. Aber zu spaeter Stunde soll weitergefeiert werden.
Ich fahr nach Hause in die Sicherheit der kleinen Mittelstandswelt.
Erst Tage spaeter erfahre ich, dass fast alle jungen Maenner, denen ich dort begegnet bin, im Narcotrafico arbeiten.
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Ergänzungen

obrigado, molt obrigado

barcelonena 15.05.2003 - 16:11
vielen, vielen dank fuer diesen bericht. ich habe ihn mit grossem interesse gelesen. ihr habt einen dokumentarfilm gedreht? wo und wann kann der gesehen werden? wuerde mich sehr freuen, wenn ihr mir da einen kontakt hier drunterschreiben koennt.

der film

ak kraak 17.05.2003 - 16:52
ja, ein film dazu wird folgen. aber das dauert noch ne ganze weile. fuer kontakte :  akkraak@squat.net